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Drehschieber-Vakuumpumpen: Wirkprinzip, Bauarten und der wirtschaftliche Einsatz frequenzgeregelter Systeme in der Industriepraxis

Drehschieber-Vakuumpumpen: Wirkprinzip, Bauarten und der wirtschaftliche Einsatz frequenzgeregelter Systeme in der Industriepraxis

Gerhard Sondermann GmbH |

Vakuumtechnik · Industrielle Strömungsmaschinen · Energieeffizienz

Eine technisch-analytische Betrachtung der Auswahlkriterien, Betriebsparameter und Einsparpotenziale moderner Verdrängerpumpen mit integriertem Frequenzumrichter – für Betriebsingenieure und technische Einkäufer.

Vakuumpumpen zählen zu den meistverwendeten Betriebsmitteln in der industriellen Fertigung. Kaum eine Branche – von der holzverarbeitenden Industrie über die Pharmaproduktion bis zur Lebensmittelverpackung – kommt ohne zuverlässige Unterdruckerzeugung aus. Trotz dieser Verbreitung wird die Auswahl der passenden Pumpentechnologie in der Praxis häufig unterschätzt: Fehlauslegungen führen zu überhöhtem Energieverbrauch, unnötigem Verschleiß oder unzureichender Prozesssicherheit.

Der folgende Beitrag analysiert das Wirkprinzip trockenlaufender und ölgeschmierter Drehschieber-Vakuumpumpen, beleuchtet die technischen und wirtschaftlichen Unterschiede beider Bauarten und bewertet das Potenzial frequenzgeregelter Systeme auf quantitativer Grundlage.

1. Grundlagen der Drehschieber-Vakuumpumpe

1.1 Wirkprinzip und mechanischer Aufbau

Die Drehschieber-Vakuumpumpe gehört zur Klasse der Verdrängerpumpen. Ihr Funktionsprinzip beruht auf der mechanischen Verkleinerung eines eingeschlossenen Gasvolumens durch rotierende Bauteile – ohne direkten Kontakt zwischen Rotor und Gehäuse.

Im Zentrum steht ein exzentrisch gelagerter Rotor, der sich innerhalb eines zylindrischen Gehäuses dreht. In radial angeordneten Schlitzen des Rotors befinden sich federbelastete oder durch Fliehkraft nach außen gedrückte Schieber, die permanent an der Innenwand des Zylinders anliegen. Durch die Exzentrizität entstehen Arbeitskammern variierender Größe:

  • Ansaugphase: Die Kammer vergrößert sich auf der Saugseite – Gas wird durch den Einlass angesaugt.
  • Verdichtungsphase: Die Kammer verkleinert sich durch Rotation – das Gas wird komprimiert.
  • Ausstoßphase: Das verdichtete Gas verlässt die Pumpe über den Auslass.

Dieser Zyklus wiederholt sich mit jeder Rotorumdrehung mehrfach, da typischerweise zwei bis vier Schieber gleichzeitig im Einsatz sind. Das Ergebnis ist eine nahezu pulsationsfreie Gasförderung – ein entscheidender Vorteil gegenüber Hubkolbenpumpen.

Technische Kenngröße: Das theoretische Saugvermögen einer Drehschieberpumpe ergibt sich aus dem geometrischen Hubvolumen pro Umdrehung multipliziert mit der Drehzahl. In der Praxis reduziert der volumetrische Wirkungsgrad diesen Wert um typisch 5–15 %, abhängig von Dichtheit, Totraumvolumen und Betriebsdruck.

1.2 Abgrenzung: Vakuumpumpe vs. Verdichter

Konstruktiv sind Drehschieber-Vakuumpumpen und Drehschieber-Verdichter nahezu baugleich. Der wesentliche Unterschied liegt in der Anschlussseite des Nutzers und der Position des Vakuumventils: Vakuumpumpen erzeugen Unterdruck auf der Einlassseite, Verdichter Überdruck auf der Auslassseite. In der Praxis können identische Pumpengehäuse je nach Konfiguration für beide Anwendungen eingesetzt werden.

2. Ölfrei vs. ölgeschmiert – Systemvergleich

2.1 Ölfreie (trockenlaufende) Bauart

Bei trockenlaufenden Pumpen übernehmen selbstschmierende Schieber aus Graphit-Verbundwerkstoff die Funktion der Kammerabdichtung. Der natürliche Abrieb des Schiebers hinterlässt einen mikroskopisch dünnen Kohlenstofffilm an der Gehäuseinnenwand, der die Reibung weiter reduziert. Das erreichbare Endvakuum ist auf 100 mbar absolut begrenzt. Für die überwiegende Mehrheit industrieller Vakuumanwendungen ist dieses Niveau vollständig ausreichend.

2.2 Ölgeschmierte Bauart

Bei ölgedichteten Pumpen wird ein dünner Ölfilm aktiv in die Arbeitskammer eingebracht. Dieser übernimmt simultane Aufgaben: Abdichtung, Schmierung und Wärmeabfuhr. Das Ergebnis sind deutlich tiefere erreichbare Enddrücke von bis zu 1 mbar absolut. Für Anwendungen mit strengen Hygienevorschriften (Lebensmittel, Pharma) stehen lebensmittelechte Schmierstoffe sowie Halal- und Koscher-zertifizierte Varianten zur Verfügung.

Kriterium Ölfrei (trocken) Ölgeschmiert
Endvakuum absolut bis 100 mbar bis 1 mbar
Saugvermögen 2 – 570 m³/h 4 – 732 m³/h
Fördermedium 100 % ölfrei Ölnebelanteil (durch Abscheider reduzierbar)
Wartungsaufwand Gering – kein Ölwechsel Moderat – Ölwechsel und Abscheider
Hygieneeignung Hoch (Lebensmittel, Pharma, Medizin) Bedingt (Spezialöle verfügbar)
Typische Baureihen VT, VX, KVT, KVX, VTLF, VXLF, VARIAIR O6, O5, U5, U4, VARIAIR

3. Frequenzumrichter-Integration: VARIAIR-Technologie

3.1 Technisches Konzept

Konventionelle Vakuumpumpen arbeiten bei fester Nenndrehzahl – in Europa durch 50 Hz bestimmt. Der Volumenstrom ist damit im Wesentlichen konstant, unabhängig vom tatsächlichen Bedarf der Anlage. Schwankender Bedarf wird durch Abblaseventile oder Taktbetrieb kompensiert – mit entsprechenden Energieverlusten.

Frequenzgeregelte Systeme integrieren einen elektronischen Frequenzumrichter direkt in die Pumpeneinheit. Dieser ermöglicht die stufenlose Anpassung der Motordrehzahl über einen Bereich von typisch 30 bis 60 Hz.

Volumenstromsteigerung im 50-Hz-Netz: Durch Betrieb bei 60 Hz lässt sich der Volumenstrom gegenüber dem 50-Hz-Nennwert um bis zu 20 % steigern – ohne Umbau oder Austausch der Pumpe. Eine 98 m³/h-Pumpe leistet damit bis zu 118 m³/h.

3.2 Schutz- und Überwachungsfunktionen

Der Frequenzumrichter übernimmt über die Drehzahlregelung hinaus zentrale Schutzfunktionen: elektronische Strombegrenzung, Temperaturüberwachung, Sanftanlauf und – in Kombination mit einem Drucksensor (4–20 mA) – druckkonstanter Betrieb auch bei stark schwankender Abnahme. Bei Standardversionen ohne Frequenzumrichter übernehmen mechanische Vakuumventile und Sicherheitsventile diese Funktion.

4. Energetisches Einsparpotenzial

Das Betriebsverhalten von Verdrängerpumpen folgt dem Affinitätsgesetz:

V̇₂ / V̇₁ = n₂ / n₁   |   P₂ / P₁ = (n₂ / n₁)³

Die kubische Abhängigkeit der Leistung von der Drehzahl ist der zentrale Hebel: Eine Drehzahlreduktion auf 80 % senkt die Antriebsleistung auf nur noch 51,2 % des Ausgangswertes.

Betriebsmodus Frequenz Volumenstrom Leistungsaufnahme Einsparung
Nennbetrieb 50 Hz 98 m³/h 3,0 kW
Teillast 80 % 40 Hz 78 m³/h 1,54 kW ca. 49 %
Teillast 60 % 30 Hz 59 m³/h 0,65 kW ca. 78 %
Überdrehzahl 60 Hz 118 m³/h 5,18 kW +73 % (erhöhte Leistung)

Bei einem typischen Teillastprofil (40 % Nenn-, 60 % Teillastbetrieb bei 80 % Drehzahl) ergibt sich eine durchschnittliche Leistungsaufnahme von 2,12 kW statt 3,0 kW – eine Einsparung von rund 29 %. Bei 6.000 Betriebsstunden/Jahr und einem Strompreis von 0,22 €/kWh entspricht das ca. 1.160 € Einsparung je Pumpeneinheit und Jahr.

5. Auswahlkriterien für die Praxis

  • Erforderliches Endvakuum: Bestimmt die Bauart – ölfrei bis 100 mbar / ölgeschmiert bis 1 mbar absolut.
  • Benötigter Volumenstrom: Sicherheitszuschlag von 15–25 % empfohlen.
  • Schwankender Bedarf: Stark variierende Abnahme spricht für Frequenzumrichter-Regelung.
  • Prozessreinheit: Lebensmittel, Pharma und Elektronik erfordern zwingend ölfreie Bauarten.
  • Umgebungsbedingungen: Staub, Feuchtigkeit und aggressive Medien erfordern erhöhten Korrosionsschutz oder externe Vorfilter.
  • Netzspannung und -frequenz: VARIAIR-Einheiten überbrücken 50 Hz und 60 Hz.
  • Zertifizierung: UL, CSA, ATEX oder lebensmittelechte Schmierstoffe je nach Markt.

6. Branchenspezifische Anwendungsfelder

Holzverarbeitende Industrie

CNC-Bearbeitungszentren verwenden Vakuumspanntische zur berührungslosen Fixierung von Werkstücken. Anforderung: hoher Volumenstrom, robuster Betrieb bei Holzstaubeintrag, Dauerbetrieb. Ölfreie Drehschieberpumpen mit externem Staubabscheider sind der Standard. Passende Systeme finden Sie in unserem Neumaschinen-Sortiment.

Druck- und Papierindustrie

Bogenanleger und Digitaldruckmaschinen benötigen pulsationsarmes Vakuum für präzise Bogentrennung. Niedrige Schallpegel unter 75 dB(A) und wartungsarmer Betrieb sind entscheidend. Die KVT-Baureihe ist hier weit verbreitet.

Medizintechnik und Pharmazie

Strikte Hygienevorschriften und die Anforderung an reines Vakuum ohne Kontaminationsrisiko machen ölfreie Systeme zur einzig vertretbaren Option. Sonderversionen mit lebensmittelechten Schmierstoffen decken auch ölgeschmierte Anwendungen in diesem Segment ab.

Sekundärverpackung

Trayformer, Kartonaufrichter und Palettierer arbeiten im Hochleistungsbetrieb oft mit mehreren Pumpen im Parallelbetrieb. VARIAIR-Systeme bieten hier den Vorteil der bedarfsgerechten Zentralversorgung mit automatischem Grundlastwechsel und druckkonstantem Betrieb. Mehr dazu in unserem Angebot der Kompakt-Vakuumanlagen.

Kunststoff- und Elektronikindustrie

Tiefziehen, Folientransport und Leiterplattenbestückung erfordern vibrations- und pulsationsarmes Vakuum bei hoher Wiederholgenauigkeit. Trockenlaufende Pumpen mit Direktantrieb erfüllen diese Anforderungen ohne schwingungsübertragende Kupplung.

7. Zusammenfassung

Kernaussagen

Drehschieber-Vakuumpumpen sind für Vakuumniveaus bis 100 mbar (ölfrei) bzw. 1 mbar (ölgeschmiert) die wirtschaftlichste und betriebssicherste Lösung in der industriellen Vakuumversorgung.

Frequenzgeregelte Systeme ermöglichen im 50-Hz-Netz eine Volumenstromsteigerung von bis zu 20 % bei gleichem Aggregat und reduzieren den Energieverbrauch im Teillastbetrieb durch die kubische Abhängigkeit der Leistung von der Drehzahl um bis zu 78 %.

Die Entscheidung zwischen ölfrei und ölgeschmiert sollte primär am erreichbaren Vakuumniveau und der Prozessreinheitsanforderung ausgerichtet werden – nicht an Anschaffungskosten allein.

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